Spiegel Online = Objektiv?

Dass der Spiegel nicht mehr das ist, was er mal war, ist schon länger bekannt. Für die Auflage wird heute fast genauso viel getan wie bei der einst verhassten Springer-Presse. Seit einigen Jahren steigt der Spiegel gerne mal in Hetzkampagnen mit ein und schwimmt auf dem Strom der Entrüstung mit.

Neustes Beispiel ist folgender Artikel, erschienen bei Spiegel-Online: www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,453108,00.html

Kurz zusammengefasst geht es in dem Artikel um das Playstation-Spiel „Smackdown vs. Raw 2006“ – nicht wie SPON schreibt um ein Computerspiel (DAS nennt man journalistische Sorgfaltspflicht) – und dem angeblich damit verbundenen Mord eines 19-jährigen an einem 51-jährigen Obdachlosen. SPON erläutert die Geschichte, geht dabei auf den Tatabend und den ungefähren Tathergang ein, berichtet dann weiter über die geplanten strengen Gesetzesvorlagen und kommt während des Verlauf des Textes im Endeffekt zu dem Schluss, dass das Wrestling-Spiel durchaus ein Killerspiel ist und ein Grund dafür war, warum der der 19-jährige den Obdachlosen umgebracht hat.

Interessant an diesem Artikel ist vor allem, dass SPON unterschwellig versucht den Leser gegen dieses böse „Killerspiel“ „Smackdown vs. Raw“ – man könnte schon sagen gegen Wrestling allgemein – aufzubringen.

Versuchen tut es SPON mit Sätzen wie diesen:

Er war zuvor in eine Polizeikontrolle geraten und hatte sieben Stunden lang ein Gewaltspiel am Computer gespielt – und immer verloren.

oder diesem:

Er habe Szenen des Wrestling-Spiels „SmackDown vs. Raw 2006“ an seinem Opfer Jürgen G. simulieren wollen. Bei dem Computerspiel kämpfen virtuelle Ringer gegeneinander, wobei sie unter anderem auf den Körpern ihrer Gegner herumspringen.

Der letzte Teil ist von mir jetzt mal hervorgehoben worden. Auffällig ist, dass sich der SPON-Autor scheinbar überhaupt nicht mit dem Game-Genre und mit dem Spiel an sich auseinander gesetzt zu haben scheint. Hier werden einfach polemische Behauptungen aufgestellt, um Emotionen gegen das Spiel hervorzurufen.

Auf das von mir fett markierte geht der Autor des Artikels später noch einmal ein. Und zwar bei der Schilderung des schrecklichen Augenblicks, in dem der Obdachlose ermordet wird. In der Beschreibung des Tathergangs, den SPON sehr anschaulich wiedergibt, könnte man meinen, dass ein direkter Zusammenhang mit dem „herumspringen auf den Körpern ihrer Gegner“ hergestellt wird.

Interessant ist aber auch, dass der SPON-Autor scheinbar vollkommen mit dem Täter übereinstimmt, dass das Spiel einen Hauptteil zu dieser Tat beigetragen hat. Darauf, dass der Täter und ein weiterer junger Mann „erst ein Bier, danach zwei Flaschen Wein und eine weitere Flasche Schokoladenlikör“ getrunken haben, was zu einem Alkoholpegel von immerhin 1,73 Promille geführt hat (!), geht SPON ebenso wenig ein, wie darauf, dass der 19-jährige scheinbar noch andere Probleme (gehabt) hat…