Anzeige: Dahinsiechendes Berufsbildungssystem sucht dringend Reform

Unter anderem die Proteste der Studierenden haben gerade bewirkt, dass das Bachelor-System endlich reformiert werden wird. Dieser Schritt war mehr als überfällig – schon mit der Einführung zeigten sich die gravierenden Mängel des neuen Systems. Warum die Reform allerdings so lange hat auf sich warten lassen, wird wohl ungeklärt bleiben. Ein Glanzstück deutscher Hochschulpolitik ist es aber sicherlich nicht.

Auch wenn man die Ergebnisse und die Auswirkungen davon erst einmal abwarten muss, so ist es auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung.
Solch ein Schritt fehlt auch in anderen Bereichen der Bildungspolitik. Zum Beispiel im Berufsausbildungssystem.

Als Auszubildender im dualen Ausbildungssystem habe ich ja nun mal tiefe Einblicke in dieses dahinsiechende System. Und nein, bevor mir jetzt unterstellt wird, ich wäre gegen das Duale System und würde es abschaffen wollen: Weit gefehlt. Ich bin überzeugt, dass es das richtige System für die Ausbildung ist. Die Qualität und Akzeptanz – international verglichen (!) – spricht dafür und auch das Prinzip macht Sinn, gerade bei Ausbildungsbetrieben, die ihren Azubis nicht so viel bieten oder bieten können. Allerdings gilt das nur, wenn es auch angemessen umgesetzt und die Berufsschule endlich reformiert werden würde. Aber gerade diese überfällige Maßnahme wird nicht angegangen.

Wenn ich mir meinen Ausbildungsberuf (Informatikkaufmann) so anschaue, dann kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass man gut die Hälfte der Berufsschule weglassen könnte, ohne dass die Qualität groß darunter leiden würde. Erschreckend, oder? Erschreckend ist vor allem aber, dass sich das ohne weiteres auf andere Ausbildungsberufe übertragen lässt.

Zur Verdeutlichung möchte ich nachfolgend mal ein paar Beispiele liefern:

Man sollte überlegen ob es Sinn macht halbjährige Wahlpflichtfächer abzuhalten, in deren Themen man gerade einmal reinschnuppern kann. Auch wenn der Ansatz gar nicht mal so verkehrt ist, so bleibt festzuhalten, dass ein persönlicher sowie ein betrieblicher Nutzen in der Regel daraus leider nicht gezogen werden kann. Neben dem kompletten Weglassen von Wahlpflichtkursen würde sich hier allenfalls noch die Reduzierung auf einen ganzjährigen Kurs anbieten.

Auch ist es fraglich ob man Planspiele durchführen muss, die mit Software durchgeführt werden, bei denen selbst Lehrer mehr Nach- als Vorteile aufzählen können – und deren Resultate ohne weiteres in dem normalen Unterricht hätten gelehrt werden können (wo sie ohnehin schon behandelt wurden). Zudem sollte man sich fragen lassen, ob es Sinn macht die Zeugnisnote solch eines Planspiels sogar bis zum Abschlusszeugnis durchzureichen, wenn es insgesamt nur drei Tage umfasst hat…

Sport ist wichtig, aber selbst wenn man noch nicht volljährig ist, sollte es einem selbst überlassen sein, ob und wie man sich sportlich betätigt. Das eigene Gesundheitsbewusstsein bzw. die eigene Verantwortung „fit“ und gesund zu bleiben sollte jeden selber dazu bringen „etwas für sich zu tun“. Meiner Meinung kann und braucht dies in der Ausbildung nicht mehr Sache des Staates sein.

Ach ja, wo ich gerade dabei bin: Eigentlich könnte man auch mal über das Abschlusszeugnis nachdenken. In dem werden ja die Durchschnittsnoten der Fächer über die entsprechenden Halbjahre abgebildet. Ab x,5  wird wie in der Schule üblich aufgerundet. Hat man also rechnerisch eine 1,5 erhält man auf dem Abschlusszeugnis eine 2 usw. Wenn das nicht in gewisser Weise auch ungerecht ist, so ist es zumindest fragwürdig. Hier würden sich verschiedene andere Darstellungsarten anbieten.

Ich könnte jetzt noch mehrere Beispiele aufführen (zum Beispiel den ERP (Enterprise Resource Planning)-Unterricht, den man sich ebenfalls sparen könnte), aber ich denke es ist ausreichend.
An den Beispielen ist das zu sehen, was sich ansonsten auch im normalen Unterrichtsgeschehen der anderen Fächer zeigt: Es wird zu viel Zeit mit Unwichtigem verschwendet!
Eine Straffung des Unterrichts ist ebenso geboten wie die komplette Modernisierung des Stoffes in einigen Fächern. Plastisch ausgedrückt: aus c’t –Artikeln von vor 10-15 Jahren kann man heute in den meisten Fällen nur wenig (technischen) Nutzen ziehen.

Über reine Beschäftigungsmaßnahmen im Unterricht möchte ich an dieser Stelle erst gar nicht reden.

Aber genug erstmal. Auch wenn man für konkrete Reformen sicher noch tiefer in die Materie einsteigen muss, so sollten meine Schilderungen hier verdeutlichen, dass sich etwas ändern muss.
Eine Möglichkeit wäre die von mir bereits oben erwähnte Verkürzung der Ausbildungsdauer. Ohne „Frühauslerner“ zu sein könnte man ohne Probleme ein halbes Jahr früher als jetzt die Ausbildung beenden. Azubis die vorzeitig auslernen wollen könnten dann bereits nach zwei anstatt zweieinhalb Jahren abschließen. Trotz der derzeitigen Arbeitsmarktsituation im Hinterkopf würden der Wirtschaft dann schneller gut ausgebildete Fachkräfte zur Verfügung stehen.
Auch für die Azubis hätte es Vorteile: Bekommen sie einen Job würden sie früher eine bessere Bezahlung erhalten und müssten nicht die restliche Zeit in der Berufsschule absitzen.
Aber nicht nur das: Durch eine Anpassung des Lernstoffs an die tatsächlichen Anforderungen, die die Wirtschaft heute stellt – und nicht an die, die sie mal gestellt hat – würden sich die beruflichen Perspektiven ebenfalls verbessern.